Der Prototyp KT4D 001

Während einer Sonderfahrt führt es den Wagen 001 im Februar 2002 auch über die 1985 in Betrieb genommene Strecke über die Humboldtbrücke nach Babelsberg.

© Foto: Holger Schöne

Seit 1970 entwickelte ČKD Prag im Auftrag der DDR einen vollkommen neuen Straßenbahntyp, den Gelenktriebwagen KT4. Als erstes Ergebnis dieser Entwicklung entstanden 1972 im ČKD-Werk Prag zwei Prototypen, die unter den Nummern 8001 und 8002 von 1973 bis 1974 zunächst ausgiebig erprobt wurden. Neu war zum einen die äußere Formgebung des Fahrzeugs – erstmals wurde der Wagenkasten im Gegensatz zu den bisherigen Tatra-Typen mit eckigen Formen konstruiert – zum anderen wurde der Lenkmechanismus für das Mittelgelenk völlig neu entwickelt. Die Konstruktion der Drehgestelle sowie die Anfahr- und Bremssteuerung entsprechen dagegen dem bereits 1929 in den USA entwickelten und seit den 1950er Jahren von ČKD in Lizenz übernommenen PCC-Konzept. Die von Anfang an vorgesehene Ausrüstung mit Thyristorsteuerung konnte aus Kostengründen erst ab 1982 mit dem modifizierten Typ KT4Dt realisiert werden.

Gegenüber den späteren Serienfahrzeugen wiesen die beiden Prototypen zahlreiche Besonderheiten auf. Für die äußere Verkleidung der Seitenwände wurden gesickte Seitenbleche verwendet, die Stirnfront wurde mit eckigen Scheinwerfern ausgestattet. Aufwändig wurde für eine gute Belüftung des Fahrzeuges gesorgt – zusätzlich zu den auch bei den Serienfahrzeugen realisierten Oberlichtfenstern sowie den vier Dachlüftungsklappen besaßen beide Prototypen jeweils über der Front- und Heckscheibe an den Wagenenden Belüftungsklappen, die den Fahrgastraum durch spezielle Lüftungsschlitze mit Frischluft versorgten. Bei der Innenausstattung wurden zwei verschiedene Ausführungen realisiert. Der Tw 8001 bekam 38 kunstlederbezogene gepolsterte Sitze, auf der türlosen Seite z. T. in Doppelreihen angeordnet, der Tw 8002 dagegen 26 ungepolsterte Kunststoffsitze, jeweils nur in einer Reihe entlang der Fensterfronten. Für die technische Ausstattung der beiden Prototypen wurden zahlreiche Bauteile der Vorgängertypen T3D und B3D verwendet. Vor allem die Ausführung des Fahrerbedienpultes erfuhr bei der Serienausführung nochmals eine komplette Umgestaltung, ebenso die Rückwand der Fahrerkabine, bei der man auf die stets recht schwergängige Schiebetür bei der Serie verzichtete.

Nachdem eine zunächst angedachte Erprobung bei den Berliner Verkehrsbetrieben nicht zustande kam, bemühte sich der Verkehrsbetrieb Potsdam erfolgreich um die Erprobung der beiden Prototypen. Am 2. Dezember 1974 wurden beide Fahrzeuge durch den Potsdamer Verkehrsbetrieb in Prag abgenommen, am 20. Dezember 1974 wurden sie in Potsdam abgeladen und abschließend komplettiert.

Wagen 001 ist im Juni 1975 in der Friedrich-Ebert-Str. auf der Linie 2 unterwegs.

© Foto: Klaus Reichenbach

Vom 9. Januar 1975 bis zum 30. September 1975 erfolgte die Erprobung beider Wagen, die zuvor die Nummern 001 und 002 erhielten. Ab dem 4. Mai 1975 (Wagen 002) bzw. 6. Mai 1975 (Wagen 001) erfolgten auch ganztägige Einsätze im Fahrgastverkehr auf der Strecke der Linie 2 zwischen Kapellenberg und Bhf. Rehbrücke im Solobetrieb. Probefahrten in Doppeltraktion wurden ebenfalls durchgeführt, jedoch ohne Fahrgäste. Während der Erprobungszeit gab es auch einige Umbauten, so wurde vom 17.–19. Juli 1975 die Doppelschleifleiste auf dem Stromabnehmer des Tw 001 erprobt. Vom 24.–25. April 1975 wurde das „Berggetriebe“ mit der Übersetzung 1:8,775 erprobt. Nach Abschluss der Erprobung wurden beide Fahrzeuge am 9. Oktober 1975 in den regulären Betriebsdienst übernommen. Am 6. März 1982 wurden beide Fahrzeuge erstmals planmäßig in Doppeltraktion auf der Linie 1 zwischen Bhf. Rehbrücke und Hauptbahnhof (heute Bhf. Pirschheide) eingesetzt.

Aufgrund fehlender Ersatzteile wurde die Instandhaltung beider Außenseiter mit den Jahren immer problematischer. Im Rahmen der Hauptntersuchung erhielt 1983 der Tw 002 eine den Serienfahrzeugen angepasste Stirnfront mit runden Scheinwerfern, beim Tw 001 ersetzte man dagegen u. a. die Rückleuchten. Durch die Übernahme relativ neuwertiger KT4D-Fahrzeuge aus Berlin konnten die beiden Prototypen 1989 abgestellt werden. Die letzten Linieneinsätze waren am 8. September 1989 (Tw 002 + Tw 001) bzw. am 3. Oktober 1989 (Tw 001 im Solobetrieb) zu verzeichnen.

Im April 1993 ist der Wagen 001 immer noch ungesichert auf dem „Schrottgleis“ auf dem Betriebshof Drevesstraße abgestellt.

© Foto: Holger Schöne

Während Tw 002 nach Gewinnung einiger Ersatzteile im August 1991 verschrottet wurde, blieb Tw 001 abgestellt erhalten.

Da sich der Verkehrsbetrieb Potsdam zu dieser Zeit außerstande sah, den bereits stark durch Witterungseinflüsse und Vandalismus gezeichneten Wagen unterzustellen, entschied sich ein Potsdamer Nahverkehrsfreund dafür, den Wagen in Privatbesitz zu übernehmen und dem Verkehrsbetrieb abzukaufen, um ihn in einem Basdorfer Lokschuppen unterzubringen, wohin er am 22. März 1994 transportiert wurde. Versuche, eine Möglichkeit für die Aufarbeitung zu finden, blieben vorerst vergebens.

Im Frühjahr 1998 wurde die Arbeitsförderungsgesellschaft (afg) Teltow auf das Vorhaben aufmerksam und bot sich für die Instandsetzung im Rahmen einer ABM-Maßnahme an. Nach Bewilligung aller Genehmigungen konnte am 25. August 1998 die Überführung nach Teltow erfolgen. Mit dem Beschluss, den Wagen aufzuarbeiten, ging er im September 1998 in den Besitz des Denkmalpflege-Verein Nahverkehr Berlin e.V. über, unter dessen Regie anschließend die Restaurierung erfolgte.

Zunächst wurde der Tw 001 bis auf den Rahmen komplett auseinandergenommen. Schrittweise erfolgte danach der Neuaufbau, überwiegend unter Verwendung der aufgearbeiteten Originalteile, aber auch unter Nutzung einiger Teile des ehemaligen Berliner Nullserienwagens 9318 (ex Leipzig 1308). Am 14. Dezember 2000 wurde der bereits äußerlich weitgehend instandgesetzte Wagen wieder nach Potsdam gebracht, wo die elektrische Ausrüstung eingebaut wurde. Bis Ende August 2001 wurden durch die afg alle restlichen Komplettierungsarbeiten am Fahrzeug durchgeführt.

Am 2. September 2001 wurde der fertiggestellte Wagen im Rahmen des Stadtwerkefestes auf dem neuen ViP-Betriebshof mit einem symbolischen Rollout aus der neuen Werkstatthalle erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Der Wagen zeigt sich nun äußerlich weitgehend in den Originalzustand zurückversetzt, bei der Innenraumgestaltung wurden einige Kompromisse zwischen Original- und letztem Betriebszustand eingegangen. Bei einigen Details sind seitens des Denkmalpflege-Verein Nahverkehr Berlin e. V. auch noch Nachbesserungen vorgesehen. Das Fahrzeug wurde per Vertrag am 2. September 2001 der Verkehrsbetrieb Potsdam GmbH rückübertragen. Nach Erteilung der erforderlichen Zulassung durch die Behörden des Landes Brandenburg steht der Wagen für Sonderfahrten zur Verfügung und kann über die Verkehrsbetrieb Potsdam GmbH gemietet werden.

Technische Daten:

Wagen 001 Wagen 002
Hersteller:
ČKD Prag
 
Fahrzeugtyp:
Prototyp KT4D
 
Wagenkastenlänge:
18.110 mm
 
Wagenkastenbreite:
2.180 mm
 
Wagenkastenhöhe:
3.110 mm
 
Motorleistung:
4 × 40 kW
 
Eigenmasse:
21.100 kg
 
Baujahr:
1972
 
Fahrzeug-Nummer Prag: 8001 8002
Fahrzeug-Nummer Potsdam: 001 002
Sitzplätze (1975/1989): 38/32 26/25
Abnahme in Prag: 02.12.1974 02.12.1974
Entladung in Potsdam: 20.12.1974 23.12.1974
Ersteinsatz Fahrgastverkehr: 06.05.1975 04.05.1975
Hauptuntersuchung: 13.10.1983 12/1983
Letzter Linieneinsatz: 03.10.1989 08.09.1989