Meldung 27. Oktober 2004

Historischer Beitrag aus der Berliner Zeitung
„Nun mit OS“

Nun mit „OS“

Bärchen entdeckte„Noch jemand ohne Fahrschein?“ Ein letztes Mal erklang diese Frage gestern abend in einem Berliner Straßenbahnzug. Keine Groschen und Sechser klappern mehr aus dem blechernen Geldgeber: Kein Daumen reißt mehr geschickt das Billett vom Block.

Bärchen machte zwischen „Spitze“ und Straßenbahnhof Weißensee die letzte Schaffnerfahrt mit. Endstation für einen 102 Jahre alten Berufsstand. Denn der erste Kassierer einer Tram an der Spree verlangte den Reisetarif 1865 auf einer Pferdebahn, die zwischen Charlottenburg, Brandenburger Tor und Kupfergraben hin und her unterwegs war.

Edith Hamann hängte also gestern um 19:07 Uhr ihre alte Tätigkeit „an den Nagel“. Mit einem weinenden und einem lachenden Auge, wie sie Bärchen gestand. „Wenn man 20 Jahre lang mit einer treuen Freundin, eben der Straßenbahn, Dienst gemacht hat, dann fällt es einem gar nicht, so leicht, ihr Adieu zu sagen“. Frau Hamann, die unter anderem auch Fahrscheine auf den Linien 46, 49, 70, 71 und 74 verkaufte, findet einen neuen Arbeitsplatz als Assistentin im Betriebsdienst der BVG.

Sang- und klanglos geht kein Abschied vor sich. „Alles Gute und ein herzliches Lebewohl“, riefen unterwegs nicht nur zahlreiche Berliner der Schaffnerin zu, sondern auch Mitarbeiter der BVG-Hauptdirektion, die Edith Hamann mit Blumen, herzlichen Worten und einem Präsentkorb das „Valet“ erleichterten. Auch Bärchen überreichte ihr einen duftenden Blütengruß und wünschte viel Erfolg im kommenden Aufgabenbereich.

Ab heute geht es nur noch mit „OS“ durch Berlin.

Aus: Berliner Zeitung vom 13.12.1967